Aus dem Leben des in Waldbröl geborenen, berühmten Volksliedersammlers

Ach ja, die guten alten Zeiten! Viele glauben, dass früher alles besser war. Dabei vergisst man oft, wie beschränkt und abergläubisch die Menschen früher waren.
Vor allem auf dem Land glaubte man noch lange an Hexen und Dämonen. Die Bauern, welche lesen konnten, blätterten in einem Volksbuch, das „Sybillenweissagungen“ hieß. Auch ich ließ mich davon anstecken und fragte mich, was geschehen würde, wenn Napoleon als leibhaftiger Antichrist wiederkäme. Welche Marter würde uns Gläubigen drohen: der Tod im heißen Backofen oder die Abbrühung und Begießung mit heißem Öl?
Pfiffige Mönche haben diesen Aberglauben oft weidlich ausgenutzt, denn vom Glauben an Verzauberung und Spuk konnte manches Kloster trefflich profitieren.

So erzählte man sich noch lange die Geschichte des Paters Achätius, der sich in die Ställe geschlichen und den Rindern das Maul mit Seife beschmiert haben soll. So standen die Tiere dann vor der vollen Krippe und weigerten sich zu fressen. Auf die Bitten der Bäuerinnen sei dann der Mönch gekommen, habe einige lateinische Segensformeln gesprochen und den Kühen das Maul mit Weihwasser abgewaschen. Die inzwischen ausgehungerten Tiere haben sich dann wohl mit Heißhunger wieder über das Futter hergemacht. Neben der Stärkung des Glaubens an die Allmacht der Kirche wanderte dann aber auch manche Seite Speck in die Klosterküche. Auch das heilige Köln wartete noch lange auf den Schritt in die neue Zeit, trotz der Versuche der Franzosen, Ordnung in Wirtschaft und Verwaltung zu bringen. Einige Male habe ich Vettern in Köln besucht. Dazu wurden wir jedes Mal genau von den französischen Zöllnern gefilzt, denn es wurde natürlich viel geschmuggelt. Die Steuern wurden damals im Unterschied zu heute vor allem als Zölle auf Waren erhoben.

Köln wirkte auf mich Landkind, das die gute Luft in der freien Natur gewohnt war, eng, verwahrlost und schmutzig. Überall lag Schutt, Schmutz und Unrat. Der Dom (zeitweise Futtermittellager und Pferdestall) stand halb fertig als Bauruine neben einem Domplatz, der eher einem Kartoffelacker glich. Auf der höchsten Stelle stand die Guillotine als Zeichen der Herrschaft Frankreichs. Viele Häuser schienen unbewohnt oder waren mit Gittern verrammelt. Auf den Straßen traf man Scharen von Bettlern und Krüppeln. Im neuen Hafen lagen kaum Schiffe. Die große Stadt Köln war ziemlich am Ende. Nach Jahrhunderte langem Niedergang der Stadt hatte die Kontinentalsperre Napoleons den Handel mit England abgeschnitten und den Warenverkehr endgültig zum Erliegen gebracht. Erst später unter der preußischen Herrschaft ging es auch in Köln wieder voran. Die neue Zeit.

Nach der Niederlage Napoleons begann aber auch im Bergischen und im Rheinland eine neue Zeit. Zwar hatten sich die Hoffnungen auf eine Verfassung und einen Nationalstaat auf dem Wiener Kongress zerschlagen. Auch wurden die Münz- und die Gewichtseinheiten vom Dezimalsystem wieder auf das alte Maß zurückgeführt, als wir alle Preußen wurden, aber viele vernünftige Einführungen der Franzosen überdauerten. Vor allem wurden beide Rheinufer frei und gehörten nun einem Land an. Ungehindert von Kontrolle und Zoll konnten wir nun mit unseren Brüdern auf der linken Rheinseite verkehren. Deutz wurde statt mit einer sogenannten fliegenden Brücke, die in der Rheinmitte verankert war, ab 1822 mit einer festen Schiffsbrücke mit Köln verbunden. (Eine steinerne Brücke gab es erst 1859 für die Eisenbahn).

Der wichtigste Aufschwung für mich war aber der des Schulwesens. In Schlebusch war durch die Vermittlung meines Vaters, der inzwischen preußischer Bürgermeister geworden war, eine Schule gestiftet worden. Zum ersten Mal erhielt ich vernünftigen Unterricht von tüchtigen Lehrern in der Muttersprache, den Naturwissenschaften, Französisch und Latein.
Und vor allem in Musik.
Aber das ist ein neues Thema.
Euer ergebener

A.W.F. von Zuccalmaglio