Heinz-Otto Janßen plaudert aus dem Nähkästchen

„Ich möchte nicht die Welt verbessern – ich weiß, da sollte ich bei mir selber anfangen, aber eine kleine Weisheit liegt mir dennoch auf dem Herzen. Es geht um eine Geschichte des damaligen „Strüngsjen“. Ich suchte nach einer Aushilfskraft. Ein Gast, er sah aus – wie wir damals so sagten – wie eine Krähe: schwarze Klamotten, eine lila gefärbte Strähne im Haar und schwarze Handschuhe, die an den Fingerlingen zur Hälfte abgeschnitten waren. Er drehte immer in aller Ruhe seine Zigaretten, war ruhig und gelassen und erfreute sich des Lebens. Oliver war sein Name. Eines Tages sagte er mir, dass er gerne als Bedienung bei mir arbeiten würde, wenn ich jemanden brauchte. „Nie und nimmer“ war spontan mein erster Gedanke. Eines abends war Oliver, wie des Öfteren, wieder im Café und wir kamen ins Gespräch bezüglich eines Aushilfsjobs. „Oliver, wir können es versuchen, aber dann musst du an deinem Klamotten-Stil wirklich etwas verändern“, war meine Anforderung. „Kein Problem“, seine Antwort. Also versuchten wir es. Die Reaktionen der Stammgäste der ersten Generation waren eindeutig: „Was hast du denn da für einen eingestellt? Guck dir den mal an! Das solltest du dir aber gründlich überlegen“.
14 Tage später – natürlich sah Oliver kleidungsmäßig mittlerweile ‚vernünftig‘ aus – schlug die Stimmung um. Man kannte sich, man respektierte sich und es gipfelte darin, dass sich alle lieb und nett fanden. Der Höhepunkt waren die alten Gold-Konfirmanden. Sie waren nicht nur toleranter als die „jungen Hüpfer“, sondern konnten ihn ebenfalls richtig gut leiden. Es war sprichwörtlich ein Geben und Nehmen.
Dass Olivers Studium in Koblenz ihn später so beanspruchte, dass er es nicht mehr schaffte, nach Waldbröl zu kommen, habe ich sehr bedauert. Heute wohnt er seit vielen Jahren in Australien, ist Professor an einer Universität und erfreut sich dort seines Lebens. Bestimmt dreht er auch weiterhin in Ruhe seine Zigarettchen.
Was möchte ich damit nun sagen? Natürlich habe ich aus dieser Erfahrung gelernt. Ich, der sonst schnell dabei war, jemanden nach seinem Aussehen zu beurteilen und in eine Schublade zu stecken, bin heute vorsichtiger mit meinem Urteil über andere Menschen. Wir sollten alle nach dem Motto verfahren: Jedem seine Chance!“